19.02.2018

"Man muss die Chance ergreifen, wenn sie im Raum steht!"

Interview mit "Personality of the Year"-Preisträgerin Natallia Dean

Natallia Dean ist Direktorin der
Pella Sietas GmbH

Natallia Dean ist Direktorin der Pella Sietas GmbH im Hamburger Hafen. In schwierigen Zeiten hatte sie Anfang des Jahres 2014 die Leitung der Werft übernommen und 2016 für ihre Verdienste die Auszeichnung "Personality of the Year" des Frauen-Netzwerks WISTA Germany (Women’s International Shipping & Trading Association) erhalten.


Dean ist Quereinsteigerin: Nach ihrem Diplom in englischer und deutscher Philologie absolvierte sie ein wirtschaftliches Abendstudium in Hamburg. Anschließend folgte der Master of Business Administration an der Open University Business School (Milton Keynes, Großbritannien).


Im Interview mit der Führungskräfteschmiede ermutigt sie Frauen dazu, sich Führung zuzutrauen und Selbstzweifel über Bord zu werfen:

 

Die Führungskräfteschmiede: 
Frau Dean, Sie haben im letzten Jahr den Preis "Personality of the Year" des Frauen-Netzwerks WISTA bekommen, der weiblichen Persönlichkeiten in der maritimen Industrie verliehen wird und auf Frauen mit Vorbildfunktion aufmerksam macht. Sehen Sie sich selbst als Vorbild?


Natallia Dean: Ich würde mich selbst nicht unbedingt als Vorbild bezeichnen, auch ich habe natürlich meine Nachteile. Ich habe außerdem keine Kinder – das macht es wohl einfacher, beruflich erfolgreich zu sein. Es ist wesentlich schwieriger für eine Frau, die eine Familie hat. Sie muss sich mehr anstrengen, Beruf und Privatleben in Einklang zu bringen. Ich bin schon mit mir selbst zufrieden (lacht), aber mich als Vorbild zu bezeichnen, geht mir vielleicht ein bisschen zu weit.

Die Führungskräfteschmiede:
 Glauben Sie, dass es in Ihrer Rolle wichtig ist, mit sich selbst zufrieden zu sein? Man sagt ja, dass Frauen sehr selbstkritisch sind, gerade wenn es auf der Karriereleiter nach oben geht.


Natallia Dean: Ja, auf jeden Fall. Das ist das Hauptproblem, das ich in jungen Jahren genauso hatte. Deshalb war es auch ein ziemlich langer Weg, bis ich endlich spürte, dass ich bereit bin. Ich hatte zwar alle möglichen Ausbildungen, Studienabschlüsse und Seminare besucht, was an sich positiv ist, weil man sich natürlich weiterbilden und sein Leben lang lernen und Neues erfahren muss. Auf der anderen Seite ist genau das ein Zeichen dafür, dass man glaubt "Mit dem, was ich im Moment kann, bin ich noch nicht bereit oder noch nicht zufrieden". Das ist auch einer der Gründe, warum sich Frauen viel mehr engagieren, wenn sie neu in einer Führungsposition sind. Oft haben sie schon einen langen Weg hinter sich. Das ist anders, wenn man einem Mann eine Führungsposition anbietet, wenn er Mitte oder Ende 20 ist. Meistens sagen Männer einfach "ja", ohne zu überlegen und sich viele Gedanken zu machen. Und am Ende klappt es dann auch meist. Bei Frauen ist es ein bisschen anders: Sie grübeln dann noch und stellen sich Fragen wie "Kann ich das?" oder "Werde ich meine Familie in Mitleidenschaft ziehen?". Es passiert nicht oft, dass sie am Ende "ja" sagen, sondern eher, dass sie sich vielleicht noch ein paar Jahre Zeit lassen. Und das ist meiner Meinung nach ein gravierender Fehler, da man solche Chancen nicht jeden Tag bekommt. Man muss die Chance ergreifen, wenn sie im Raum steht!

Die Führungskräfteschmiede: Haben Sie auf Ihrem Weg prägende Erfahrungen gemacht, die Sie richtig gepusht haben?


Natallia Dean:
 Als ich 2002 am Anfang meiner Karriere bei einer Reederei angefangen habe, war die Schifffahrt noch in relativ ruhigen Gewässern.

   Natallia Dean und Mitarbeiter von Pella Sietas

Dann jedoch begannen die Turbulenzen in der Branche. In dieser Zeit, bis Ende 2013, bevor ich zu Pella Sietas wechselte, habe ich alle Tiefen miterlebt und auch gelernt, Krisenmanagerin zu sein. Man lernt, mit wenigen Mitteln das Beste aus der Sache herauszuholen und krisenresistent zu sein, wenn es scheinbar keinen Ausweg gibt (lacht). Es gibt immer einen Ausweg, man muss es nur probieren. Freiwillig stellt man sich natürlich nicht mit dem Rücken zur Wand. Wenn aber die Situation eintritt und erfordert, dass man erfinderisch und kreativ ist, werden Kräfte, Gedanken und Ideen geweckt. Die Schifffahrtsbranche wurde in den letzten Jahrzehnten ziemlich erschüttert, sodass diese Erfahrung mir geholfen hat, mich abzuhärten und mir vieles keine Angst mehr macht.

Die Führungskräfteschmiede: Haben Sie den Eindruck, dass es eher eine glückliche Fügung war, dass Sie genau diesen Weg gegangen und durch Ihre Krisenerfahrung in Ihre jetzige Position bei Pella Sietas gekommen sind? Oder hatten Sie vielmehr einen starken Drang, diesen Weg zu gehen und so eine entscheidende Funktion einzunehmen?


Natallia Dean:
 Ich muss sagen, ich hatte den Drang schon immer. Jedoch hat mir mein innerer Kritiker eingeredet: "Das ist nicht das, was du brauchst, halte dich eher im Schatten, das ist eher deine Rolle." Allerdings habe ich festgestellt, dass ich entscheidungsfreudig bin und es mir Spaß und Freude macht, Entscheidungen zu treffen – nicht allein, sondern im Team. Als Frau beobachte ich, dass die Stimmung beziehungsweise das Handeln im Team anders ist, wenn eine Frau die Vorgesetzte, Expertin oder Kollegin ist. Dann werden manche Fragen und Sachen ein bisschen anders angegangen. Die Stimmung und das emotionale Umfeld sind anders, ich würde sagen, dass sie besser sind.


Die Führungskräfteschmiede: Wie lief Ihr innerer Dialog ab? In den Momenten, in denen Ihr innerer Kritiker sich meldete und sagte, dass Sie hinter den Kulissen besser aufgehoben sind –  meldete sich dann der innere Antreiber und sagte "Du kannst auch mehr!"?


Natallia Dean: Ja, ich hatte auch Vorbilder: meine Mutter und meine Großmutter. Meine Mutter war mit 25 Jahren schon Chefin eines statistischen Amtes und hatte Führungsverantwortung für 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter übernommen.

Die Führungskräfteschmiede: Das heißt, Sie hatten ein gutes Role Model?


Natallia Dean: Ich hatte auf jeden Fall ein gutes Role Model in meiner Mutter, obwohl sie noch zwei Kinder hatte und einen Mann. Sie hat die Familie praktisch ernährt und außerdem als Chefin geführt. Kurz vor ihrem Renteneintritt sagte sie mir: "Trau dich! Wenn dir ein Vorschlag gemacht wird oder du siehst, dass du eine Position einnehmen kannst, mach das auf jeden Fall! Sonst kommt jemand, der genauso kompetent ist wie du, im schlimmsten Fall aber weniger, und dann musst du an ihn berichten" (lacht). Sie hat mir beigebracht, dass Frauen genauso gut führen können wie Männer, wenn nicht besser. Sie hat auch an sich gezweifelt, aber sie hat festgestellt, dass sie es bereut hätte, wenn sie eine Stelle nicht angenommen hätte.

Die Führungskräfteschmiede: 
Wir kennen das aus unseren Coachings im Nachwuchsprogramm. Etwa die Hälfte der Frauen ist nicht eigeninitiativ, sondern höhergestellte Managerinnen und Manager erkennen ihr Potenzial und ermutigen sie, in Führung zu gehen. Diese Frauen bekommen dann Zweifel: "Kann ich das? Will ich das?". Frauen sehen sich zudem oft eher in Fachkarrieren und fürchten eine machtkonnotierte Führung. Haben Sie neben mehr Mut und Zutrauen einen weiteren Tipp für diese Frauen?


Natallia Dean: Wir gehen schon den richtigen Weg, wenn wir Programme wie das der Führungskräfteschmiede oder Weiterbildungen für uns selbst und unsere eigene Persönlichkeit besuchen. Das trägt zu unserer Selbstsicherheit, zu unserem Selbstvertrauen bei. Je mehr wir das machen, je mehr wir mit anderen Frauen netzwerken, die es auch so machen, desto weniger Angst werden wir haben. Wenn man eine Expertin ist, ist es genauso schwierig, wenn nicht sogar schwieriger. Man meint, dass man den richtigen Weg eingeschlagen hat, wenn man seine Meinung äußern konnte – entscheiden tun jedoch die anderen. Einerseits ist es positiv, keine Verantwortung zu tragen. Andererseits muss man es in manchen Fällen auch aushalten zu wissen, dass man den richtigen Vorschlag gemacht hat und letztlich doch anders gehandelt wird.

Die Führungskräfteschmiede: Man weiß es dann eigentlich doch besser und traut sich aber nicht, es zu sagen?


Natallia Dean: Ja, auf jeden Fall. Es ist immer Arbeit an sich selbst, Selbstvertrauen zu gewinnen. Es ist Überzeugungsarbeit mit sich selbst. Es ist klar, dass Führung nicht für jede das Richtige ist. Es ist aber noch längst nicht so, dass wir ein Mädchen im Schulalter in Richtung Führung erziehen. Es gibt immer noch gesellschaftliche Unterschiede, die Mädchen in eine andere Richtung führen, implizit oder explizit. Es ist sehr schwierig, später einen anderen Weg einzuschlagen, wenn man von Kindesbeinen an so sozialisiert wurde. Wir sind noch die Generation, die das alles so erlebt hat, vielleicht hat die nächste Generation es leichter, weil sich die Stimmung gewandelt hat und inzwischen andere Ideen in der Gesellschaft publik gemacht werden. 

Die Führungskräfteschmiede: Dem können wir uns nur anschließen. Ganz herzlichen Dank für das Gespräch, Frau Dean!

Sie haben in diesem Jahr die Gelegenheit, Natallia Dean persönlich kennenzulernen. 
Wir freuen uns sehr, sie als Referentin auf unserem Fachvortrag am Donnerstag, dem 15. November 2018, begrüßen zu dürfen. Merken Sie sich das Datum gern schon vor!

 

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